Ob nun eine Gute-Nacht-Geschichte oder in der Familienrunde. Unterhaltsame Erzählungen zum Lesen und Vorlesen.

Sheriff für einen Tag Teil 8 – Wie es nach der Banditenjagd weitergehen sollte

Sheriff für einen Tag Teil 8 – Wie es nach der Banditenjagd weitergehen sollte

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Sheriff für einen Tag Teil 8

Da bist du ja wieder! Was hat dich seit dem letzten Mal beschäftigt? Du fragst dich, ob es mir nicht peinlich gewesen ist, dass ich vor den Mädchen mit den Ponys geflohen bin und mich versteckt habe? Oh, nein, kein bisschen. Sicher, ich habe dir ja erzählt, dass mir andauernd irgendetwas peinlich gewesen ist, aber das auf gar keinen Fall. Angesichts einer solchen Übermacht von Feinden, die größer und viel stärker sind als du, ist Fliehen nun wirklich das Klügste, das du tun kannst.

Das war schon richtig so, genau wie die Entscheidung, die Banditenjagd aufzugeben, nachdem sie so gefährlich geworden war. Auch der beste und mutigste Sheriff hätte sich nicht wissentlich in eine solche Gefahr gebracht, zumindest nicht allein. Und einen Hilfssheriff, der mich hätte unterstützen können, hatte ich damals ja nicht.

Also war klar, dass ich mir für die zweite Hälfte meines ersten Arbeitstages als Sheriff etwas anderes überlegen musste. Ich brauchte eine neue, sinnvolle Aufgabe für mich, meinen Sheriffstern und meine Sheriffhose. Nein, nicht mehr für meine Pistole, die hatte ich ja bei der gruseligen Begegnung mit der Ponybande verloren, wie du sicher noch weißt.

Beim Mittagessen überlegte ich also angestrengt, was ich mir für den Nachmittag vornehmen könnte. Was es zu essen gab, fragst du? Du, das weiß ich beim besten Willen nicht. Ich war so beschäftigt mit meiner Grübelei, dass ich wahrscheinlich überhaupt nicht darauf geachtet habe. Deshalb habe ich es mir auch nicht gemerkt. Aber gewiss war es etwas sehr Leckeres, denn meine Mutter hat wirklich jeden Tag ein wunderbares Mittagsessen für uns alle gekocht, ganz oft mit frischem Gemüse aus dem Garten. Da es ja gerade Sommer war, war bestimmt an diesem Tag auch etwas Selbstgeerntetes dabei, könnte ich mir vorstellen.

Aber egal, das ist ja auch grad nicht ganz so wichtig, obwohl es über meine liebsten und allerliebsten Gerichte, die meine Mutter kochte, viel zu erzählen gäbe.  Das Thema holen wir vielleicht bei Gelegenheit mal nach. Ich aß also schweigend mein bestimmt leckeres Mittagsessen und dachte nach. Das Schweigen machte mir an jenem Tag ausnahmsweise auch gar nichts aus. Sonst fand ich das immer so richtig blöd, beim Essen ruhig zu sein. Ich hatte doch immer so viel zu berichten nach einem langen, aufregenden Vormittag.

Mein Vater mochte es nicht, wenn ich am Tisch von meinen Abenteuern und Erlebnissen erzählte. „Schnöder nicht so viel!“, sagte er meistens. Manchmal sagte er auch: „Rappel nicht so viel!“ Das waren zwar unterschiedliche Sätze, aber sie bedeuteten bedeutete beide das Gleiche, nämlich, dass ich ruhig sein sollte. Oft war das ganz schön schwierig, sich daran zu halten. Vielleicht kennst du das Gefühl ja, das du hast, wenn du vor lauter Neuigkeiten, die aus dir herauswollen, fast platzt und dann will dir keiner zuhören. Nein, das fühlt sich nicht gut an.

An dem Tag war Schweigen aber absolut in Ordnung. Über die Mädchen mit den Ponys wollte ich sowieso nicht sprechen und außerdem hatte ich ja genug zu tun mit dem Nachdenken. Was macht ein Sheriff denn noch, außer Banditen zu jagen? Vielleicht suchte er ja auch mal nach gestohlenen Gegenständen? Das war gut möglich, aber bei uns in Ammerswurth wurde damals nie etwas gestohlen. Zumindest kannte ich niemanden, der irgendetwas vermisste. Es sei denn, er hatte es vielleicht verlegt oder verloren, aber Diebe und Einbrecher waren daran jedenfalls nicht schuld.

Eine verlegte Brille zu suchen, konnte ja nun nicht Aufgabe des Sheriffs sein. Der würde sich doch eher um geraubtes Gold oder gestohlene Diamanten kümmern. Ich weiß noch nicht einmal, ob in Ammerswurth überhaupt jemand Gold und Diamanten besaß. Wenn, dann hatten die Bewohner ihre Schätze gut versteckt, denn ich habe sie nie gesehen. Also würde sie wohl auch kein Dieb jemals finden und es gab keine Arbeit für mich als Sheriff. So kam ich nicht weiter.

Was machten denn die Sheriffs in den alten Western sonst noch, wenn sie keine Banditen jagten? Manchmal ritten sie einfach durch ihre kleine Stadt, die immer nur aus einer Straße bestand, und grüßten die Menschen mit erhobener Hand. Das war aber auch nichts, was ich hätte tun können. Dass unser Nachbar mir eins seiner Pferde leihen würde, hatte ich ja schon am frühen Morgen als äußerst unwahrscheinlich bewertet. Nun, ich hätte mich stattdessen ja auch mit meinem kleinen grünen Kinderrad auf den Weg machen können. Das Problem war nur, dass ich den Lenker beim Fahren noch nicht gut loslassen konnte. Da wäre das mit dem Grüßen und Winken ziemlich schwierig für mich geworden. Nein, das war nicht das Richtige.

Manchmal saßen Sheriffs auch breitbeinig in ihren Büros am Schreibtisch und bewachten die gefangenen Banditen in den Gefängniszellen hinter sich. Ein Büro gab es bei und im Haus auch. Natürlich könnte ich mich da an den Schreibtisch setzen, wenn nötig auch breitbeinig, obwohl meine Mutter immer sagte, das würde sich für Mädchen nicht gehören. Aber im Büro meines Vaters gab es keine Gefängniszelle, die war ja draußen im alten Plumpsklo. Und da ich am Morgen leider keinen einzigen Banditen geschnappt hatte, konnte ich natürlich nirgends einen Gefangenen bewachen.

Trotzdem gab es im Büro meines Vaters mindestens zwei richtig interessante Sachen. Die erste war die große Schublade in der Mitte seines Schreibtisches. Sie war in ganz viele kleine Fächer unterteilt, in denen du die tollsten Sachen finden konntest. Da gab es viele alte rostige Schlüssel, die in kein Türschloss im ganzen Haus passten. Nein, wirklich nicht, glaub mir, ich habe sie alle mehrfach ausprobiert. Da waren auch Münzen, die gar nicht aussahen, wie zum Beispiel eins meiner wertvollen Fünfzig-Pfennig-Stücke, kleine Taschenmesser, Teile von alten Kugelschreibern, die du vielleicht wieder zu einem Ganzen zusammenbauen konntest und noch zig andere Sachen, deren Verwendung mir vollkommen unklar war, die aber spannend aussahen.

Die andere interessante Sache war der Papierkorb unter dem Schreibtisch. Der war zu zwei Dingen zu gebrauchen. Wenn du nämlich Briefmarkensammeln spielen wolltest, konntest du dort welche finden. Im Papierkorb lagen meistens ziemlich viele Umschläge, weil mein Vater der einzige bei uns zu Hause war, der jeden Tag eine Menge Post bekam. Leider waren auf den meisten nur Stempel und keine Briefmarken, aber die ein oder andere ließ sich dann doch finden. Die habe ich dann sofort mit der großen Schere vom Schreibtisch ausgeschnitten und in die meine Keksdose gelegt.

Leider war dann das Briefmarkensammeln schon wieder vorbei, weil es sonst nur noch an einem anderen Ort im Haus welche gab und die durfte ich aus irgendeinem Grund nicht sammeln, obwohl es richtig viele waren und es sich dann mal richtig gelohnt hätte, Briefmarkensammeln zu spielen. In einer Schublade im Wohnzimmer lagen nämlich ganz, ganz viele alte Postkarten. Die waren nur schwarz-weiß und nicht besonders hübsch. Es waren Karten, die mein Großvater aus dem Krieg an meine Großmutter geschickt hatte. Die Briefmarken waren eigentlich auch nicht besonders hübsch und sahen fast alle gleich aus.

Trotzdem habe ich einmal angefangen, sie aus den alten Postkarten auszuschneiden, damit meine Briefmarkensammlung endlich auch mal nach einer richtigen, großen Sammlung aussah. Als meine Mutter dazukam und sah, wie ich konzentriert die kleinen Briefmarken aus den Karten ausschnitt, war sie leider gar nicht so begeistert. Ich durfte die, die ich schon gesammelt hatte zwar behalten, musste aber versprechen, in der Schublade nicht mehr zu sammeln, wenn ich nochmal Briefmarkensammler spielen wollte.

Also blieb nur der Papierkorb übrig und Briefmarkensammeln war immer ein kurzes Spiel. Zu einer richtig tollen Sammlung habe ich es nie gebracht und dieses Hobby auch schon in jungen Jahren aufgegeben. Aber es gab ja noch die zweite Sache, für die du den Papierkorb gebrauchen konntest, nämlich um Papier zu suchen. Ja, du hast Recht, das ist irgendwie schon offensichtlich, dass du in einem Papierkorb Papier finden kannst, aber hier geht es um besonderes Papier.

Ich brauchte immer viel Papier zum Malen. Als Kind habe ich nämlich immer sehr gern gemalt. Irgendwie konnte ich als Kind auch viel besser malen als ich es heute kann. Jedenfalls gefielen mir meine Bilder immer ausgesprochen gut und auch die Erwachsenen, denen ich sie schenkte, lobten immer meine Malkünste. Das ist heute nicht mehr so, ich habe das Malen wohl mit den Jahren verlernt.

Ich hatte natürlich auch einen Malblock, aber bei dem waren die Blätter alle gleich groß oder, besser gesagt, gleich klein. Darauf passte wirklich nicht allzu viel. Meistens war so ein Blatt schon voll, wenn ich gerade mal ein Haus, drei Bäume, eine Schaukel und ein Baumhaus gemalt hatte. So begann ich meine Bilder eigentlich immer. Für ein Klettergerüst war dann in den meisten Fällen schon kein Platz mehr, geschweige denn für einen oder mehrere Bauernhöfe mit Feldern und Tieren und einer Teerstraße drum herum.

 Da brauchte es schon deutlich größeres Papier und das gab es manchmal im Papierkorb meines Vaters zu finden. Aber dafür musstest du schon ordentlich Glück haben, denn großes Papier war selten und wertvoll. Ab und zu hatte ich dieses Glück und mein Vater hatte eine dieser großen Karten in den Papierkorb gelegt. Die sahen ein bisschen aus wie Landkarten. Sie waren allerdings nicht bunt und es waren auch keine Städte oder Straßen darauf, sondern nur schwarze Linie, Zahlen und irgendwelche Buchstaben. 

Irgendetwas hatten sie mit den Baustellen zu tun, auf denen mein Vater und seine „Leute“, wie seine Mitarbeiter hießen, arbeiteten. Wozu sie sie brauchten, wusste ich nicht. Das war mir auch nicht so wichtig, Hauptsache diese Karten waren groß und eine Seite war unbedruckt, so dass ich einen richtigen Bauernhof darauf malen konnte.

Ja, selbstverständlich haben Schubladen und Papierkörbe nichts mit dem Sheriff-Sein zu tun, Briefmarkensammeln und Malen auch nicht. Das wusste ich damals natürlich auch schon, ich wollte dir ja nur kurz erzählen, was du als Kindergartenkind im Büro meines Vaters machen konntest. Später kamen noch ganz andere Sachen dazu, wie zum Beispiel die vielen Stempel und die Schreibmaschine, aber ich komme ja schon zu der eigentlichen Geschichte zurück.

Gut. Was sollte ich nun an meinem ersten Nachmittag als Sheriff machen, außer ohne Banditen in einer Zelle breitbeinig im Büro zu sitzen, was sicher ausgesprochen langweilig wäre? Im Grunde war es ganz einfach. Und hätte ich weniger kompliziert gedacht, wäre es mir auch viel schneller eingefallen. Wie ich ja schon so oft sagte: Ein Sheriff ist doch so was Ähnliches wie ein Polizist und Polizisten sind auch dazu da, Menschen zu helfen. Wenn du irgendetwas brauchst oder vielleicht den Weg nicht kennst, kannst du einen Polizisten fragen.  Also musste das ja auch für einen Sheriff gelten, dachte ich mir.

Nach dieser Erkenntnis war der Plan ganz schnell gemacht. Ich würde sofort nach dem Essen eine Tasche mit lauter nützlichen Dingen packen und wieder nach draußen gehen. Wenn dann jemand vorbeikäme, der irgendetwas brauchte, konnte ich es einfach aus meiner Tasche ziehen und dem Menschen wäre sofort geholfen. Den Weg um Ammerswurth konnte ich einem Verirrten selbstverständlich auch erklären oder wie man von dort nach Meldorf oder Elpersbüttel kam. Perfekt! Ich war mir absolut sicher, dass ich auf diese Art am Nachmittag doch noch zu einem erfolgreichen Sheriff werden würde.

Dann waren meine Eltern mit dem Mittagsessen fertig und meine Mutter sagte: „Ich räum jetzt noch schnell die Küche auf und dann wollen wir Mittagsstunde machen. Du gehst dann solange draußen spielen!“ Wenn meine Eltern Mittagsstunde machen wollten, dann brauchten sie dafür immer viel Ruhe, sonst konnten sie wahrscheinlich nicht einschlafen. Da ich ja sowieso am liebsten draußen spielte, war das auch vollkommen in Ordnung.

Aber an dem Tag, hatte ich ja vorher noch etwas Wichtiges im Haus zu tun – nämlich all die nützlichen Sachen zusammenzusuchen, die ich für meine Sherifftasche brauchte. Oh, da musste ich mich nun aber beeilen, denn mir blieb gerade mal so viel Zeit, wie meine Mutter brauchte,  um die Küche aufzuräumen und das konnte sie leider ziemlich schnell, weil sie nie wirklich unordentlich war. Das würde jetzt ein bisschen stressig werden, aber zum Glück konnte ich ja schnell rennen und zur Not auch ein paar Treppenstufen herunterspringen, wenn es sein musste.

Also auf in den Nachmittag, Sheriff Sünni, dein Freund und Helfer!

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Sheriff für einen Tag Teil 4 – Wie ich Jagd auf Banditen machte

Sheriff für einen Tag Teil 4
– Wie ich Jagd auf Banditen machte

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Titelbild Sheriff für einen Tag Teil 4

Absolut richtig, ein großes Sheriff-Ehrenwort ist so was Ähnliches wie ein Indianer-Ehrenwort. Beide darf man nicht brechen. Und da ich dir ja mein großes Sheriff-Ehrenwort darauf gegeben habe, dir bald  von meiner Jagd auf die Banditen zu erzählen, fange ich nun auch direkt und ohne Umschweife damit an.

Du erinnerst dich, es war alles gründlich vorbereitet. Ich war Sheriff, hatte meinen Sheriffstern an meiner Sheriffhose, mein kleines grünes Kinderrad stand parat für eventuelle Verfolgungsjagden und hatte ganz sicher keinen platten Reifen. Zu guter Letzt hatte ich dann endlich auch noch eine geeignete Pistole gefunden, um die Banditen so richtig zu erschrecken. Genau, das war das mit den „Stöckern“, die kennst du ja zum Glück inzwischen. Also auf zur Banditenjagd!

Da es ja mein erster Arbeitstag war, hatte ich noch nicht sonderlich viel Erfahrung mit dem Sheriff-Sein und dem Aufspüren von Banditen. Wie also beginnen? Ich dachte, es sei doch eine gute Idee, sich erst mal einen Überblick zu verschaffen. Von wo aus würde das wohl am besten gehen? Natürlich von meinem Baumhaus aus! Von dort oben konnte ich fast unendlich weit gucken. Also würde ich auch jeden herannahenden Banditen schon von weitem sehen.

Die Sonne stand inzwischen schon ziemlich hoch und wahrscheinlich war es nicht mehr lange hin, bis meine Mutter mich zum Mittagessen rufen würde. Ich hatte an diesem Morgen schon viel zu viel Zeit verloren und musste mich nun wirklich beeilen. Also steckte ich mir meine hölzerne Pistole in den Hosenbund und rannte so schnell ich konnte in den Garten vor unserem Haus, wo auch der Apfelbaum stand, in dem sich mein Baumhaus befand. Natürlich musste ich das Rennen einmal kurz unterbrechen, um über die Teerstraße mit den kleinen,  gemeinen spitzen Steinen zu kommen, ohne mir an den nackten Füßen weh zu tun, aber das weißt du ja eigentlich, auch ohne dass ich es extra erwähnen müsste.

Zum Baumhaus hinauf  führte eine Hühnerleiter mit acht Sprossen. Manche meine Freunde fanden es schwierig, sie nach oben zu klettern. Mir hingegen gelang es schnell und mühelos, aber ich hatte natürlich auch reichlich Übung darin. Schließlich war es ja mein Baumhaus. Und es war der perfekte Beobachtungsposten,  denn der Apfelbaum, der es trug, stand direkt am Gartenzaun, der unser Grundstück von der großen Hauptstraße und dem daneben verlaufenden Radweg trennte. Hinter dem Stamm des Apfelbaums konntest du dich prima verstecken, trotzdem die ganze Straße im Blick behalten und im Notfall auch ganz schnell am Radweg sein, um einen Banditen zu stellen. Links reichte mein Blick bis nach Meldorf, der zweitgrößten Stadt die ich kannte,  mit dem hohen Turm des Meldorfer Doms. Ich suchte die ganze Strecke mit den Augen ab, aber nichts und niemand war zu sehen. Also drehte ich den Kopf nach rechts, zu der Seite konnte ich ganz bis nach Elpersbüttel schauen.

Elpersbüttel war auch ein Dorf, genau wie Ammerswurth, nur viel, viel größer. Es hatte sogar eine kleine Grundschule, in der Tante Erika Lehrerin war. Tante Erika war nicht meine Tante, aber sie hieß trotzdem so. Das war damals übrigens bei vielen Erwachsenen der Fall, mit denen meine Eltern gut bekannt oder befreundet waren. Tante Erika arbeitete aber nicht nur in der Schule, nein, sie wohnte sogar in ihr. Ihre Tochter hatte es so gut! Ihr Kinderzimmer hatte nämlich eine Tür, die direkt in einen der Klassenräume führte. So konnte sie richtig toll Schule spielen, wann immer sie Lust dazu hatte. Seit sie aber eingeschult worden war, machte sie das gar nicht mehr so oft. Wahrscheinlich machte die echte Schule einfach noch mehr Spaß, als das Schulespielen. Ich war schon ein bisschen neidisch auf sie.

Außer Tante Erikas Schule gab es in Elpersbüttel auch noch zwei Geschäfte. Einen Schlachter, bei dem du immer ein Würstchen geschenkt bekamst, wenn du im Laden warst und einen Bäcker, der Bäcker Timm hieß. Dort kauften wir immer zwei Brote, ein helles und ein dunkles. Das helle hieß „Stuten“ und das dunkle „Schwarzbrot“.  Damals gab es noch nicht so viele verschiedene Brote und sie hatten auch keine so komplizierten Namen wie heute, wo sie in jedem Bäckerladen unterschiedlich heißen und du dich zwischen unzähligen Sorten wie Weltmeister-, Fitness-, Vitalbrot oder Dinkelwonne entscheiden musst. Und glaub mir, der Stuten und das Schwarzbrot, das Bäcker Timm in der Backstube direkt hinter dem kleinen Laden buk, waren das köstlichste Brot auf der Welt. Nie wieder in meinem Leben habe ich so ein gutes Brot gegessen. Meist war es noch warm, wenn meine Mutter es zu Hause in der Küche auspackte.

Mein Vater und ich lauerten dann meist schon darauf, ein Stück von dem frischen Brot zu bekommen. Ich mochte am allerliebsten den Knust von dem warmen Schwarzbrot mit ein bisschen Butter darauf. Was ein Knust ist? Na, das erste Stück, das du von einem Brot abschneidest. Das sieht doch ganz anders aus als eine normale Brotscheibe und heißt deshalb natürlich auch anders. Der Knust von einem ganz frischen Schwarzbrot ist auf der einen Seite ganz knusprig und auf der anderen ganz weich und saftig. Und wenn dann die Butter auf der weichen Seite des warmen Knusts schmilzt, biegt er sich nicht so durch wie es bei jedem anderen Stück des gleichen Brotes wäre. Ich sage dir, es gibt nichts Besseres.

Mein Vater mochte allerdings am Liebsten seine Doppelschnitte.  Dazu machte er sich immer eine Scheibe Stuten mit Butter und Erdbeermarmelade zurecht  und eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter und Käse. Anschließend legte er beide aufeinander und biss sofort ein großes Stück seiner Doppelschnitte ab. Mir kam die Kombination aus Käse und Marmelade zwar immer etwas merkwürdig vor, aber bei meinem Vater brauchte einen so etwas nicht weiter zu wundern. Er hatte einfach seinen ganz eigenen Geschmack, schließlich streute er sich auch immer mehrere Löffel Zucker über seinen Grünkohl und sogar über sein Schwarzsauer und versicherte mir, so würde ihm das einfach am besten schmecken.

Es war eigentlich ganz praktisch, dass unsere Vorlieben ein bisschen unterschiedlich waren, wenn um das perfekte Brot ging, denn so mussten wir uns schließlich nicht um den Knust streiten. Das einzig Schwierige war, meine Mutter davon zu überzeugen, überhaupt etwas von dem frischen Brot herauszurücken. „Von warmem Brot bekommt ihr Bauchschmerzen!“, drohte sie immer. Am Ende gab sie dann aber doch nach und wir bekamen unseren Knust und unsere Doppelschnitte und zumindest ich für meinen Teil habe nicht ein einziges Mal Bauchschmerzen davon bekommen.

Was das mit den Banditen zu tun hat, fragst du? Ja, du hast ja Recht, nicht mehr, als dass ich damals eben in die Richtung schaute, aus der unser Brot kam. Ich komme auch sofort zur Banditenjagd zurück, aber eine Sache über Timms Laden muss ich dir vorher doch noch ganz kurz erzählen.  Soviel Zeit muss sein. Außer dem besten Brot der Welt gab es dort nämlich noch etwas anderes. Während Bäcker Timm hinten seine Brote buk, stand seine Frau, die erstaunlicherweise genau wie er „Timm“ hieß, vorne im Laden am Tresen. Hinter ihr an der Wand hingen viele Regale mit den unterschiedlichsten Waren, die du heute in einem Bäckerladen sicher nicht unbedingt erwarten würdest, Dosen mit Erbsen und Wurzeln, zum Beispiel, oder auch so was wie Bleistifte und Radiergummis. Viel interessanter aber ist, was Frau Timm vor sich hatte. Dort auf der Ladentheke standen nämlich viele große Gläser, alle bis zum Rand gefüllt, mit bunten Süßigkeiten.

Falls du damals das Glück hattest, dass dir jemand ein 50-Pfennig-Stück schenkte,- Was das ist, fragst du? Ein 50-Pfennig-Stück war eine kleine, hübsche silberne Münze, die damals ausgesprochen wertvoll war, zumindest für Kinder. Manchmal bekamst du von Onkeln, Tanten oder anderen netten Erwachsenen so eine geschenkt. Damit konntest du zu Frau Timm an den Tresen gehen und sagen: „Eine Tüte für 50 Pfennig, bitte.“  Wenn du das gesagt hattest, durftest du dir im Tausch gegen die Münze Süßigkeiten aus ihren Gläsern aussuchen. Das war natürlich ein tolles Tauschgeschäft, aber es war auch sehr anstrengend, für beide Seiten, will ich meinen, und es konnte wirklich viel Zeit in Anspruch nehme, bis man sich schließlich einig war.  Deshalb musste man das Aussuchen der Süßigkeiten auch immer unterbrechen, wenn ein anderer Kunde in den Laden kam und z.B. eins von Bäcker Timms Broten kaufen wollte. Das war keine so schwierige Sache und ging wesentlich schneller als das mit der Tüte für 50 Pfennig.

Erst wenn Frau Timm und ich wieder alleine waren, konnten wir beide uns wieder in Ruhe auf die Gläser und die Tüte konzentrieren. Was daran denn so kompliziert gewesen ist, möchtest du wissen? Das kann ich dir gern erklären. Zunächst einmal waren es wirklich viele Gläser und damit auch sehr viele verschiedene Süßigkeiten, zwischen denen du dich entscheiden solltest. Du musstest du dir ja alle genau anschauen und überlegen, welche davon wohl am besten schmecken könnten. Das allein dauerte natürlich schon eine gute Weile und manchmal sah Frau Timm tatsächlich bereits zu diesem Zeitpunkt etwas ungeduldig aus, wenn sie da so mit der kleinen Papiertüte in der Hand hinter dem Tresen stand und wartete, bis zumindest einige ihrer Gläser es in deine engere Auswahl geschafft hatten. Und der richtig langwierige  Teil stand  ja erst noch an, die komplizierten Tauschverhandlungen.

Dass die so schwierig waren, lag aber wirklich mehr an Frau Timm als an mir. Ich hatte da ganz klare Vorstellungen. Für mein wertvolles 50-Pfennig-Stück wollte ich natürlich eine möglichst volle Tüte mit vielen von den verschiedenen Süßigkeiten  bekommen. Hätte sie nun einfach gesagt: „Ich würde deine Münze  gegen acht Sachen aus den Gläsern tauschen.“, wäre die Sache ja leicht gewesen. Dann hätte ich vielleicht gesagt: „Ich tausche sie aber nur gegen zehn.“ Ja, soweit und sogar noch weiter konnte ich damals auch schon zählen. Irgendwo wären wir uns da sicher schnell einig geworden. Jedenfalls klappte das Tauschen im Kindergarten so immer recht zügig: „Drei von meinen kleinen Murmel gegen eine von deinen großen?“, „Nein, vier!“, „Gut, abgemacht!“ Zack, schon war das Geschäft perfekt. Aber bei Frau Timm war das ganz anders. Sie hatte nämlich bei jeder einzelnen Sorte ihrer Süßigkeiten eine unterschiedliche Vorstellung davon, wie wertvoll sie waren und wie viele davon sie für die 50 Pfennig hergeben wollte.

Die Lollis waren ihr die Liebsten, von denen wollte sie nie viele tauschen. Das wusste ich zum Glück schon und ließ sie von vornherein links liegen. Mit Lollis zu einer Einigung zu gelangen, war einfach aussichtslos.  Wenn du nämlich schon zwei davon in deiner Tüte hattest und noch einen dritten dazu wolltest, dann war Frau Timm das zu viel.  Dann war sie höchstens dazu bereit, dir noch eine Lakritzschnecke oder zwei Salzheringe dazuzugeben. Das wäre für dich selbstverständlich ein schlechter Tausch gewesen. Ein 50-Pfennig-Stück gegen nur drei Sachen? Nein, so kam das natürlich überhaupt nicht in Frage. In so einem Fall musste Frau Timm die Lollis wieder aus der Tüte nehmen, sie in ihre Gläser zurücklegen und wir versuchten es als nächstes mit etwas anderem, den kleinen Rumkugeln, zum Beispiel oder den Fruchtgummis.

Mit der Zeit hatten wir beide gelernt, dass das mit dem ständigen Ein- und Auspacken der Süßigkeiten recht lange dauern konnte. So probierten wir nach und nach unterschiedliche Strategien aus, um schneller ans Ziel zu kommen. Manchmal fragte ich gleich zu Beginn der Verhandlungen ihre Vorstellungen zu den Süßigkeiten ab, die ich wirklich unbedingt haben wollte:  „Wie viele von denen? Und wie viele von denen? Und wie viele bekomme ich noch dazu, wenn ich einen von denen und dann zwei davon nehme?“ Ab und an bekamen wir das hin. Manchmal versuchte sie hingegen, mir bestimmte Süßigkeitenkombinationen vorzuschlagen, von denen sie meinte, dass sie mich vielleicht zufrieden stellen würden. Oder sie zählte rückwärts: „Jetzt noch zwei davon oder vier von denen.“ Das ein oder andere Mal kam Frau Timm allerdings selbst durcheinander mit ihrer Rechnung, vor allem wenn sie zwischendurch noch ein Brot an jemand anders verkauft hatte,  und sie musste die ganze Tüte wieder auspacken, sich alle Teile nochmal genau anschauen und überlegen, ob der Tausch für sie so in Ordnung war oder nicht. Aber, egal wie lange es auch dauerte, die Mühe lohnte sich und wir wurden schließlich einig. Am Ende waren Frau Timm und ich immer beide glücklich und zufrieden, wenn ich mit meiner Tüte strahlend den Laden verließ und sie das hübsche 50-Pfennig-Stück behalten durfte, da bin ich mir sicher.

Ja, so war das damals, aber das nur ganz kurz am Rande, wir sind ja schließlich bei meiner Banditenjagd. Ich blickte  also von meinem Beobachtungsposten aus Richtung Elpersbüttel und wartete darauf, dass ein Bandit auftauchen würde. Schier endlose Minuten vergingen, ohne dass etwas geschah. Doch dann, plötzlich, nahm ich eine Bewegung auf dem Radfahrweg wahr. Das war in etwa auf Höhe des Schlachters, wohl einen Kilometer entfernt. Noch konnte ich nichts Genaues erkennen, aber eindeutig bewegte sich etwas oder jemand in meine Richtung.  Es kam schnell näher und ich konnte zunächst nur erahnen, dass es sich um eine Person auf einem Fahrrad handelte.

Gut, das war noch nicht direkt verdächtig, aber auf einmal begann mein Herz wie wild zu pochen. Die Person auf dem Fahrrad hatte doch eindeutig ein Taschentuch vor ihr Gesicht gebunden! Das konnte ja nur ein Bandit sein! Zugegeben, dass die Banditen Fahrrad fuhren, hatte nicht erwartet. Aber wenn Polizisten und Sheriffs Rad fahren, warum dann nicht auch Banditen? Vielleicht hatten sie ja inzwischen auch spitz bekommen, dass man sich mit einem großen Pferd nicht so gut verstecken kann, wie mit einem Rad – eine Erkenntnis, die mir  schon vor Beginn meines ersten Arbeitstages als Sheriff gekommen war, wie du ja weißt. Ein Bandit! Und schon in wenigen Augenblicken würde er Ammerswurth erreicht haben. Zeit für meinen ersten Einsatz als Sheriff!

Ich behielt den näherkommenden Banditen ganz genau im Auge und ging dabei in Gedanken schnell noch einmal den Plan für mein weiteres Vorgehen durch. Als erstes musste ich mit meiner Pistole ganz laut in die Luft schießen. Ich streckte sofort die rechte Hand nach hinten, zog meine Holzpistole aus dem Bund meiner Sheriffhose und flüsterte probehalber schon mal ein ganz leises „Peng!“ Gleich würde das natürlich um ein Vielfaches lauter werden, wenn ich dann richtig schoss, aber der Bandit sollte vorher erst mal in meine Reichweite kommen und nicht schon vorgewarnt werden und mir am Ende entwischen.

Also ruhig verhalten und schießen, wenn er sich auf dem Radweg direkt vor meinem Baumhaus und mir befand. Dann würde er furchtbar erschrecken, stehenbleiben und die Hände hochnehmen. Ich würde dann „Keine Bewegung!“ rufen und zur Bekräftigung meines Befehls vielleicht noch einmal laut in die Luft schießen. Bis hierher stand der Plan fest. Aber siedend heiß fiel mir auf einmal ein, dass ich noch gar nicht weiter gedachte hatte. Als nächstes musste ich den gefährlichen Banditen ja festnehmen. Hätte ich dafür vielleicht an Handschellen denken sollen? Die gab es aber bei uns im Haus meines Wissens gar nicht und ich kannte auch niemanden, der mir welche hätte leihen können. Aber einen Strick zum Fesseln hätte ich doch mitnehmen können. Mein Vater hatte viele verschiedene Stricke im Stall, die ich mir manchmal auslieh, um damit zu spielen. Um jetzt noch zurückzulaufen und einen zu holen, war es aber viel zu spät. Der Bandit würde jeden Moment da sein. So musste ich einfach darauf vertrauen, dass er mir gehorchen würde, sobald er sah, dass ein echter Sheriff, mit einem echten Sheriffstern und einer echten Pistole vor ihm stand. Das würde er dann schon, da war ich mir ziemlich sicher. Und falls nicht und er versuchen sollte zu fliehen, konnte ich ja immer noch einen Strick mitnehmen, wenn ich sowieso zum Stall musste, um mein kleines, grünes Fahrrad für die Verfolgung zu holen. Soweit so gut.

Blieb nur noch eins, die Frage, wo ich den Banditen eigentlich einsperren wollte. Jetzt musste ich wirklich blitzschnell denken, denn der Bandit war inzwischen fast schon auf meiner Höhe. Der Keller fiel mir wieder ein. Nein, das war viel zu gefährlich für meine Mutter, die von dort immer Vorräte holte. Sie durfte dort unten nicht allein, unbewaffnet und ohne ein Sheriff zu sein  auf den Banditen treffen. Es musste etwas Besseres geben. „Denk schneller!“, sagte ich leise zu mir. Nur noch Sekunden, bis ich handeln musste! Und blitzartig kam mir der richtige Einfall: das alte Plumpsklo. Das war noch aus der Zeit, als mein Vater ein Kind gewesen war. Es befand sich draußen, versteckt  hinter der alten Mühle und war zwar etwas baufällig, aber die Mauern standen noch und es gab eine uralte, morsche Holztür, um es zu verschließen. Das war doch die perfekte Gefängniszelle. Warum hatte ich nicht gleich daran gedacht? Diese Frage konnte ich mir nicht mehr beantworten. Der Bandit war da! Ich feuerte den lautesten Schuss meines ganzen bisherigen Lebens ab und sprang siegesgewiss von ganz oben aus dem Baumhaus herunter auf den Rasen: „Ha, hab ich dich!“

Und dann? Ja, und dann war der Moment gekommen, von dem an irgendwie alles schief ging. Es war sozusagen der Anfang vom Ende meiner kurzen Karriere. Und peinlich wurde es auch für mich. Ehrlich gesagt, ist es mir bis heute noch ein bisschen peinlich, wenn ich so darüber nachdenke. Das muss ich mir jetzt erst einmal in Ruhe überlegen, wie ich ab hier am besten weitererzähle.

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Vermisst du die Bonbon-Gläser beim Bäcker genau so wie wir? Legen wir uns doch unseren eigenen kleinen Süssigkeitenvorrat an, in schönen Gläsern mit einem Holzdeckel. Luftdicht verschlossen halten sich die kleinen Naschenreien besonders gut. Wie lange die wohl halten? Also ich nehm mir jetzt eine Tüte für 50 Pfennig.

Hast du Lust weiter zu lesen? Hier geht es zum nächsten Teil der Sheriff-Geschichte:

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WeiterlesenSheriff für einen Tag Teil 4 – Wie ich Jagd auf Banditen machte

Hörbuch – Mein erstes Huhn, die Geschichte von Emmi Tuck

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Hörbuch -Mein erstes Huhn
Die Geschichte von Emmi Tuck

Eine Hühnergechichte zum Hören? Ja, das will ich! Für den Feierabend oder auch zum Einschlafen für die Kinder.
 
Titielbild Emmi Tuck mein erstes Huhn
Seit kurzem gibt es die Geschichte von Emmi Tuck in voller Länge als Hörbuch bei Youtube, vorgelesen von der bezaubernden Katja Wakeham auf ihrem Kanal Cate Wanie . Wir finden, sie hat ein großes Abenteuer aus der kleinen Hühnergeschichte gemacht.
Wenn ihr dieses miterleben möchtet, hört doch mal rein, natürlich auch in ihre anderen Beiträge. Über einen Daumen hoch, würde sie sich sicher freuen. Wir natürlich auch 😉

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Wenn du lieber selber lesen oder vorlesen möchtest, findest du die Geschichte natürlich auch >>hier<<

WeiterlesenHörbuch – Mein erstes Huhn, die Geschichte von Emmi Tuck

Sheriff für einen Tag Teil 3 – Wie ich zu meiner Pistole kam

Sheriff für einen Tag Teil 3
Wie ich zu meiner Pistole kam

Du hast die ersten Teile der Geschichte verpasst? 
< Hier findest du Teil 1 >
< Hier findest du Teil 2 >

Titelbild Sheriff für einen Tag Teil 3

Du hast Recht, ich bin dir noch den Rest der Geschichte schuldig, wie ich mal Sheriff war, nur für einen Tag, wohlgemerkt. Dann erzähle ich jetzt mal weiter, wie das damals alles war. Du erinnerst dich, ich hatte schon meinen Stern und meine Sheriffhose, ich hatte gefrühstückt und ich hatte einen Plan für meinen ersten Arbeitstag. Also war quasi alles vorbereitet für die Jagd auf Banditen, bis auf eine letzte kleine Sache und die ließ sich nicht im Haus erledigen. Also lief ich schnell nach draußen, wo mir an diesem schönen, warmen Sommermorgen die Sonne ins Gesicht lachte.

Ich versicherte mich kurz, dass mein kleines, grünes Kinderrad an seinem Platz stand und auch keinen platten Reifen hatte. Alles war gut, und somit war ich für eventuelle Verfolgungsjagden bestens gerüstet. Was nun noch fehlte, war eine Pistole. Ein Sheriff braucht natürlich mindestens eine, am besten zwei Pistolen, mit denen er in die Luft schießen kann, um die Banditen zu erschrecken. Wenn die Schüsse richtig laut sind, bleiben die Banditen nämlich sofort stehen, reißen die Hände hoch und der Sheriff kann sie fangen und einsperren. So eine Pistole war also zwingend erforderlich für die Banditenjagd. Und wenn man eine Pistole haben möchte, muss man eine ganz bestimmte Sache tun, nämlich Stöcker-Suchen. Das würde nun meine erste Amtshandlung als Dorfsheriff werden. Kurz Stöcker-Suchen und los geht’s!

Was sind denn „Stöcker“, fragst du? Also, früher wusste das wirklich jedes Kind. Wir haben alle „Stöcker“ gesagt, manche sogar „Stögger“. Sehr zum Ärger meiner späteren Klassenlehrerin in der Grundschule, Frau Regge. So hieß sie, aber nur zuerst. Als wir in der dritten Klasse waren, heiratete sie und hieß dann anders. Sie war sehr nett und auch sehr klug, aber was sie und viele andere Erwachsene einfach nicht verstanden, war der entscheidende Unterschied zwischen „Stöcke“ und „Stöcker“. Dabei war die Sache doch so einfach. Stöcke waren eben einfach nur uninteressante Stöcke, die irgendwo rumstanden oder rumlagen. Spazierstöcke, zum Beispiel,  Skistöcke, Gehstöcke, Taktstöcke, Stöcke zum Rindertreiben oder auch einfach etwas dickere, ganz normale Zweige, die irgendwo vom Baum gefallen waren. Aber Stöcker waren etwas ganz anderes. Das waren die besonderen. Die seltenen. Stöcker waren äußerst kostbar und  man konnte sie für Vieles gebrauchen, aber dazu musste man sie erst mal finden. Und das war meist sehr schwierig. Wenn ein anderes Kind stolz verkündete, es habe einen Ort gefunden, an dem richtig tolle Stöcker zu finden waren, konnten wir damals ganz schön neidisch werden. Je nach gewünschtem Verwendungszweck war es nämlich ganz genau vorgeschrieben war, wie die Stöcker beschaffen sein mussten. Genau die richtigen zu finden, war viel Arbeit und konnte lange Zeit in Anspruch nehmen.

Zum Bauen von Schleudern brauchte man zum Beispiel  Stöcker, die eine ganz bestimmte Länge und Dicke haben mussten und wie ein Ypsilon aussahen. Und zwar nicht wie ein krakeliges Y, sondern wie eins in richtiger Schönschrift, das aussah wie gedruckt. Ein Ypsilon kannte ich damals zwar noch nicht, ich konnte ja noch nicht lesen und schreiben, aber wie Stöcker für eine Schleuder auszusehen hatten, wusste ich trotzdem. Aber das war gerade egal. Ich brauchte ja jetzt Stöcker für Pistolen. Die mussten ebenfalls eine bestimmte Länge und Dicke haben und außerdem einen Knick an exakt an der richtigen Stelle. Du weißt ja sicher, wie eine Pistole aussieht. Sie hat einen Griff und einen Lauf. Ist beides zu lang, ist es  keine Pistole sondern ein Gewehr. Ist beides zu kurz, ist es nur eine Kinderpistole, die gar nicht in echt schießen kann. Und wenn nur eine  Seite  zu lang oder zu kurz ist, ist es nichts anderes als ein ganz normaler Stock mit einem Knick irgendwo. Das Gleiche gilt übrigens, wenn der Stock zu dick oder zu dünn ist. Du siehst, es ist nicht einfach, Pistolenstöcker zu finden.

Aber ich brauchte ja nun wirklich dringend welche und begann sogleich mit der Suche. Zum Glück kannte ich Ammerswurth wie meine Westentasche. So wusste ich zum Beispiel genau, wo die besten Blumenstellen waren. Meine Lieblingsblume, der Wiesenkerbel, wuchs am Grabenrand neben der kleinen Teerstraße zu unserem Nachbarn, der rote Klee da, wo mein Vater den alten Schweinestall abgerissen hatte und das Wiesenschaumkraut hinter unserem Dorf an der Straße zum Deich. Der Sauerampfer mit den leckeren, säuerlichen Blättern war neben dem Teich auf unserer kleinen Weide zu finden. Der war zwar keine richtige Blume, sah aber trotzdem hübsch aus in einem selbstgepflückten Wildblumenstrauß. Damals gab es so viele verschiedene Blumen, die jedes Jahr auf’s Neue wuchsen und blühten, ohne dass  jemand sie pflanzen oder aussäen musste, sogar mitten in den Kornfeldern und direkt an der Hauptstraße. Ich glaube, heute ist das nicht mehr so.

Ich kannte außerdem auch alle richtig guten Verstecke, das beeindruckende Hornissennest in dem hohlen alten Apfelbaum, alle Geheimwege und Abkürzungen,  die besten Kletterbäume  und natürlich auch die Stellen, an denen man mit der größten Wahrscheinlichkeit Stöcker finden würde.  Ich war demnach optimistisch, schnell fündig zu werden und meine Sheriffausrüstung vervollständigen zu können. Zunächst versuchte ich es  am Knick zum Nachbargrundstück. Dort standen viele große, alte Bäume, die öfter mal ein paar Zweige und Äste verloren, die in Ammerswurth zum Glück nie jemand wegräumte. Und tatsächlich lagen dort eine Menge Stöcke, aber fast keine Stöcker. Die einzigen, die ich finden konnte, ließen sich vielleicht als Gewehr gebrauchen, das merkte ich mir sicherheitshalber schon mal für einen anderen Tag. Pistolenstöcker gab es aber keine, obwohl einige auf den ersten Blick so aussahen. Bei näherer Betrachtung hatte aber jeder irgendeinen Fehler, ein zu kurzer Griff hier, ein zu langer Lauf da oder schlichtweg zu krumm. Wer kann schon eine krumme Pistole brauchen? Ich musste also weiter suchen. Das war zwar ärgerlich, weil ich so viel Zeit verlor, die ich eigentlich für die Jagd auf Banditen brauchte, aber ich ließ mich nicht entmutigen. Schnell rannte ich über den Hof an den Graben, wo der Wiesenkerbel wuchs.

Dort stand auch eine lange Reihe großer Pappeln. Das sind die Bäume, die im Sommer immer so viele Wattebälle abwerfen, dass es um sie herum aussieht, als habe es geschneit. Dank der Pappeln konnte ich dann immer richtig toll Winter spielen, obwohl in Ammerswurth ja fast immer Sommer war. Irgendwo unter den Bäumen würde sich doch bestimmt eine Pistole auftreiben lassen. Mein Vater erzählte übrigens immer, dass er die ganze Pappelreihe, die fast bis zum alten Deich verlief, selbst gepflanzt habe. Ich wusste nie so recht, ob ich das wirklich glauben sollte, denn die Bäume waren wirklich hoch und mussten mächtig alt sein. Einerseits war mein Vater natürlich auch schon mächtig alt, aber ganz so alt wie diese Pappeln kam er mir andererseits dann doch nicht vor.

Wie dem auch sei, dort lief ich nun jedenfalls eilig hin. Und während ich rannte, fiel mir ein, was für ein Glück ich doch hatte, dass kein Kindergeburtstag war und ich nicht die roten Sandalen mit den Söckchen tragen musste, mit denen man so schlecht rennen kann. Barfuß, wie ich war, ging das viel besser und schneller. Nur an der Teerstraße, die  zwischen unserem Hof und dem Graben lag, musste ich natürlich bremsen und sie ganz langsam und vorsichtig  überqueren. Auf dem Teer waren nämlich unzählige kleine, wirklich spitze Steine, die an den Füßen weh taten, auch wenn man so wie ich jeden Tag barfuß lief und keine so empfindlichen Fußsohlen hatte. Diese Teerstraße war wirklich ein ärgerliches Hindernis.

Nur einmal gab es davon eine erfreuliche und viel zu kurze Ausnahme. Eines frühjahrs nämlich war sie auf einmal gar nicht mehr so hubbelig und piksig wie noch im Herbst sondern fast glatt. Plötzlich konnte man auf ihr wunderbar barfuß laufen, richtig schnell Fahrrad fahren und sogar Rollschuhlaufen. Vorher ging das nur ganz schwer und auch nur langsam. Spaß haben Rollschuhe auf der Teerstraße nur dann gemacht, wenn du beim Ausrollenlassen ganz laut „Aaaaaa“, „Oooooo“ oder „Iiiiii“ gerufen hast.

Was soll denn daran spaßig gewesen sein, fragst du? Nun, dann bist du wohl noch nie auf kleinen Plastikrollen über eine sehr raue Straße gefahren. Dabei wirst du richtig durchgeschüttelt. Das kribbelt an den Füßen, dir geht so ein Zittern von unten die Beine herauf bis in die Fingerspitzen und auch bis ganz nach oben zum Mund, aus dem dann zum Beispiel nicht mehr ein langes „Oooooo“ herauskommt, sondern ganz viele kleine zittrige und verschieden hohe „o o o o o o“, die sich wirklich lustig anhören. Probiere es einfach mal aus, dann wirst du schon sehen, was für ein Spaß das ist!

Du hast Recht, kaum jemand hat heute noch Rollschuhe. Dabei waren die so praktisch, weil sie ganz lange passten. Die waren nämlich nicht mit einem festen Stiefel oben dran, der dir im Nu zu klein geworden ist, sondern du konntest sie dir unter jeden x-beliebigen deiner Schuhe schnallen.  Wenn deine Füße plötzlich wieder mal ein Stück gewachsen waren und die Rollschuhe anfingen zu drücken, konnten Papa oder Mama sie mit einem Schraubenzieher einfach länger machen und  das Rollschuhfahren konnte sofort weiter gehen.

Als ich schon ein bisschen älter war, bekam ich zum Geburtstag dann auch solche Rollschuhe mit einem Stiefel geschenkt. Die waren schwarz, mit roten Streifen und roten Rollen und hatten vorne sogar einen roten Stopper aus Gummi dran. Das waren die neuesten und modernsten Rollschuhe, die es damals gab. Discoroller sagte man dazu, weil es zu der Zeit wohl Discos gab, in denen Erwachsene mit solchen Rollschuhen getanzt haben. In so einer war ich nie, aber die Discoroller gefielen mir schon. Sie waren bequem und ziemlich schnell und die alten zum Anschnallen wurden dann an ein jüngeres Kind verschenkt. Es kam dann so wie es wohl kommen musste, nach nur einem Jahr waren sie mir zu klein geworden. Danach bekam ich nie wieder Rollschuhe geschenkt, was eigentlich schade ist, wo ich grad darüber nachdenke.

Aber ich wollte ja von der Teerstraße erzählen, die nach dem Winter plötzlich nicht mehr rau und piksig war. Ich hatte mich schnell an die neue Rennbahn vor dem Haus gewöhnt und nutzte sie ausgiebig, egal ob nun barfuß oder auf den verschiedenen Rädern und Rollen, die mir zur Verfügung standen. Bis eines Morgens – und ja, ich dachte, mich träfe der Schlag – bis eines Morgens ein Mann mit einer riesigen großen und lauten Maschine kam,  mit der er wieder Unmengen dieser spitzen, kleinen grauen Steine auf die Straße schüttete.  Gegen Mittag war er mit der ganzen Straße, die einmal um Ammerswurth herum führte, fertig. Ganz am Ende stellte er noch mehrere Schilder an den Weg, wahrscheinlich um alle zu warnen, die nun barfuß über die Straße rennen wollten und nicht wussten, dass das plötzlich wieder richtig wehtun würde. Die Schilder hätten mir wenig geholfen, denn ich konnte ja noch nicht lesen, aber ich hatte das Ganze sehr genau beobachtet und musste nicht mehr gewarnt werden. Trotzdem ärgerte ich mich sehr über diesen Mann und seine Steine, die die Teerstraße nun wieder zu einem Hindernis gemacht hatten.

Das Einzige, was mich etwas versöhnlich stimmte, war, das diese neuen spitzen Steine bei näherem Hinsehen ziemlich hübsch waren. Und hübsche Steine konnte man ja immer gebrauchen. In der Sonne glitzerten sie fast wie mein silberner Sheriffstern und so holte ich meinen kleinen Eimer, kniete mich auf die Straße und machte ihn bis zum Rand voll mit den kleinen Steinen. So einen wertvollen Silberschatz hatte ja schließlich nicht jeder und vielleicht ließen sich ja ein paar von den Silbersteinen sogar gegen eine Murmel oder etwas anderes Nützliches  tauschen. Mal sehen. Ich versteckte den Eimer zum Schutz vor Banditen vorerst an einem sicheren Ort in unserem alten, grünen Schuppen.

Ach ja, Silber und Sheriffstern, da war doch was! An dem Tag, an dem ich Sheriff war, war die Teerstraße piksig, die kleinen, spitzen Steine sahen auch nicht besonders aus und alles, was mich an ihr interessierte war, schnell und mit so wenig Schmerzen wie möglich über sie hinweg zu kommen. Ein paar kleine Ausrufe wie „autsch“ und „aah“ waren sicher dabei, das weiß ich nicht mehr so genau, aber irgendwann war das Hindernis überwunden und ich konnte mich am Grabenrand  unter den Pappeln nach einer Pistole umsehen. Das war nicht ganz so einfach wie vorher am Knick, weil unter den Bäumen auch noch zahlreiche Büsche standen, in deren Zweigen sich gern mal deine Haare verfingen oder du mit dem T-Shirt irgendwo hängen bliebst, während du darunter herumkrabbeltest. Das war mir aber in dem Moment egal, ich war schließlich ein Sheriff und Pflicht war Pflicht. Ich musste an meine Pistole kommen, egal um welchen Preis. Wenn mich das ein paar wenige meiner blonden Haare kosten würde, dann sollte das eben so sein.

So robbte und krabbelte ich also suchend durch das Gestrüpp, begutachtete eingehend den ein oder anderen Stock, der sich dann als normaler Stock und damit als unbrauchbar erwies und behielt dabei  vorsichtshalber schon mal das Kornfeld auf der anderen Seite des Grabens im Auge. Ein Kornfeld bietet einem Banditen schließlich eine richtig gute Möglichkeit, sich unbemerkt anzuschleichen, das wusste ich genau. Mit so einer Masche konnte man mich nicht hereinlegen, denn ich hatte schon Verstecken in Kornfeldern gespielt, solange ich denken konnte. Ich wusste damals schon, wie man sich, ohne das kleinste Rascheln zu verursachen, durch das hohe Getreide bewegen konnte und dass man in den Treckerspuren, in denen nicht so viel Korn wuchs, ziemlich schnell rennen konnte. Also nicht mit mir, ihr Banditen!

Nach einiger Zeit hatte ich mich auf allen Vieren schon fast bis zur Hofauffahrt unserer Nachbarn vorgearbeitet. Meine nackten Knie waren inzwischen schon ziemlich grün und die ein oder andere kleine Schramme hatte ich auch abbekommen. Das war aber nicht weiter schlimm, denn das war an jedem Tag so, nicht nur an dem, an dem ich Sheriff war. Viel schlimmer war, dass am Grundstück von Onkel Peter-Heinrich das dichte Gebüsch endete und  damit die Chancen, dort noch eine passende Pistole zu finden, dramatisch sanken. Dann hätte ich noch eine andere gute Stöckerstelle aufsuchen müssen.

Musste ich aber nicht, denn auf der Höhe unserer Obstwiese, die sich zwischen unserem Haus und dem Nachbarhof befand, lag sie auf einmal einfach vor mir. Meine Sheriffpistole! Das erkannte ich sofort. Sie lag einfach da, ich musste nicht mal unter den feuchten Ästen im Schatten nach ihr suchen. Das war ein absoluter Pluspunkt, denn obenauf liegende Stöcker waren trocken, Stöcker, die im Schatten unter anderen Zweigen und Stöcken lagen, waren feucht. Und feucht bedeutete glitschig und manchmal sogar grün und glibberig. Solche Stöcker mussten dann erst mal an der Sonne getrocknet werden und waren somit nicht sofort einsatzbereit. Das Glück war auf meiner Seite.  Ich hatte doch nun wirklich keine Zeit mehr zu verlieren und hätte erst recht nicht  so lange warten können, bis meine Pistole trocken gewesen wäre.

Sie war absolut trocken und auch sonst perfekt in jeder Hinsicht. Griff und Lauf hatten genau die richtige Dicke und Länge, das Holz war nicht morsch sondern noch frisch und von einer schönen hellbraunen Farbe. Am Griff war noch ein ziemlich großes Stück Rinde, so dass sie gut in der Hand lag. Probeweise gab ich einen Schuss in die Luft ab. Ja, damit würde ich jeden Banditen so erschrecken, dass er auf der Stelle wie vom Donner gerührt stehen blieb und sich wiederstandlos fangen ließ. Nun ging es richtig los. „Seid gewarnt, ihr Banditen!“, dachte oder rief ich und wir machten uns ans Sheriffsein, ich, mein Sheriffstern an meiner Sheriffhose und meine neue, wunderbare Pistole.

Nun ist es schon wieder so spät geworden und ich bin immer noch nicht zu der eigentlichen Jagd auf die Banditen gekommen. Das tut mir leid, aber ich wusste ja nicht, dass es heutzutage so lange dauert, jemandem das mit den Stöckern zu erklären. Das war aber ja durchaus wichtig für die Geschichte. Wie es damals  dann weiterging, erzähle ich dir beim nächsten Mal. Großes Sheriff-Ehrenwort.

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Wie? Bei dir sind keine passenden Stöcker für eine echte Sheriff-Pistole zu finden? Aber aus Holz muss eine echte Sheriff- Pistole schon sein! Schau mal hier:

Hast du Lust weiter zu lesen? Hier geht es zum nächsten Teil der Sheriff-Geschichte:

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WeiterlesenSheriff für einen Tag Teil 3 – Wie ich zu meiner Pistole kam

Sheriff für einen Tag Teil 2 – Wie ich meinen ersten Arbeitstag begann

Sheriff für einen Tag Teil 2
Wie ich meinen ersten Arbeitstag begann

Titelbild Sheriff für einen Tag Teil 2

Stimmt, ich wollte dir ja davon erzählen, wie ich mal Sheriff für einen Tag war. Wo war ich denn stehengeblieben? Genau, ich hatte von diesem vielleicht echten Banditen mit dem Mikrofon meinen silbernen Sheriffstern bekommen. Eine große Ehre! Deshalb wollte ich ja auch gleich am nächsten Tag mit dem Sheriff-Sein anfangen und Jagd auf alle richtigen Banditen machen. Genau das tat ich dann natürlich auch. Und das war so:

Erstmal wachte ich natürlich auf und zwar richtig früh am Morgen. Das war auch gut so, denn es gab schließlich eine Menge für mich zu tun an meinem ersten Tag als Sheriff. Zunächst musste ich natürlich frühstücken. Das erledigte ich schnell in meinem rot-weiß geblümten Nachthemd. Du meinst,  Sheriffs tragen keine Nachthemden? Da sei dir lieber nicht zu sicher. Ein Sheriff im Nachthemd war mir zwar noch nie begegnet, aber in den alten Western, die manchmal im Vorabendprogramm liefen, hatte ich auf jeden Fall schon Männer in weißen Nachthemden gesehen. Also war es durchaus möglich, dass auch Sheriffs Nachthemden trugen. Vielleicht keine mit kleinen roten Blümchen darauf, aber ich hatte nun mal kein anderes. Und für die Blümchen konnte ich nichts, denn ich hatte es, wie fast alle meine Sachen, von meiner Cousine geerbt. Ihr passte es nicht mehr, denn sie war schon größer und ging auch schon zur Schule. Sie konnte auch Ballett tanzen, mit so einem richtigen Ballerinarock und solchen weißen Schuhen, mit denen man besser auf den Zehenspitzen stehen kann. Zu einer Ballerina passt so ein geblümtes Nachthemd doch ziemlich gut, aber auch für einen Sheriff schien es mir ganz in Ordnung zu sein.

Zur Arbeit musste ein Sheriff natürlich etwas anderes anziehen, schon klar. Darum kümmerte ich mich nach dem Frühstück. Die Sonne schien und es war ein richtig warmer Sommermorgen. Als ich noch klein war, war immer Sommer und immer schönes Wetter, es sei denn, es lag mal Schnee. Vielleicht war es auch nicht wirklich so und ich habe die Tage mit schlechtem Wetter inzwischen einfach vergessen. Das ist gut möglich, schließlich ist es schon lange, lange her, dass ich klein war. Aber an meinem ersten Tag als Sheriff war es Sommer und das Wetter war schön, da bin ich vollkommen sicher. Also war eine kurze Hose auf jeden Fall die richtige Wahl. Davon hatte ich zwei. Die hatte ich übrigens auch von meiner Cousine geerbt. Eine davon mochte ich sehr gerne, die andere nicht so sehr. Beides waren Jeanshosen. Die, die ich gerne mochte, hieß einfach „kurze Hose“, sie war blau und richtig kurz. Die andere hatte zwei Namen. Meine Tante nannte sie aus einem Grund, den ich nicht kenne, „Knickerbocker“ und meine Mutter sagte „Kniebundhose“ zu ihr. Wahrscheinlich,  weil sie bis zum Knie ging und unten an jedem Hosenbein ein lilafarbenes Bündchen mit einem Band darin hatte, mit dem man sie enger machen konnte, so man das denn wollte. Wie auch immer sie in Wirklichkeit hieß, diese Hose zog ich eigentlich nur an, wenn meine kurze Hose gerade in der Wäsche war. Das war sie an meinen ersten Tag als Sheriff zum Glück nicht, also war die Entscheidung leicht.

Während ich nach dem passenden T-Shirt suchte, überlegte ich noch, ob ich im Fernsehen schon mal einen Sheriff mit kurzer Hose gesehen hatte. So angestrengt ich auch nachdachte, ich erinnerte mich an keine einzige kurze Hose in einem Western. Vielleicht war es ja damals im wilden Westen nicht so warm wie bei uns an der Nordsee? Das war sicher die richtige Erklärung.  An Regenwetter in einem der alten Filme konnte ich mich zwar nicht erinnern, aber es musste kühl gewesen sein, sonst hätten ja nicht alle immer lange Hosen angehabt. Für diese These sprach auch, dass die meisten Leute in den Western Stiefel trugen. Stiefel hatte ich nur im Winter an, also an den wenigen Tagen, an denen gerade nicht Sommer war und Schnee lag. Meine Stiefel waren, wie all meine Schuhe, übrigens nicht von meiner Cousine, sondern aus dem Schuhgeschäft. Meine Mutter war nämlich der Meinung, dass mit dem „Erben“ wäre bei Schuhen nicht so gut, die sollten lieber neu sein. Mir war das ganz recht, denn in unserem örtlichen Schuhgeschäft gab es ein grünes Holzkarussell, mit dem ich fahren konnte, während meine Mutter mit der Verkäuferin über „Fußbetten“ und andere langweilige Sachen redete. Aber solche richtigen Ballerinaschuhe hätte ich trotzdem gern mal von meiner Cousine geerbt. Das ist allerdings eine ganz andere Geschichte und hat gar nichts mit dem Sheriffsein zu tun. Zurück zum Thema.

Im wilden Westen musste es also definitiv kalt gewesen sein, daher die langen Hosen und die Stiefel. Hier war es warm und somit war an der kurzen Hose als Sheriffbekleidung nicht das Geringste auszusetzen. Und Stiefel brauchte ich auch gar keine anzuziehen. Vielmehr brauchte ich gar keine Schuhe. Im Sommer lief ich nämlich immer barfuß, zumindest zu Hause in Ammerswurth. Wenn ich allerdings im Sommer zu Kindergeburtstagen eingeladen war, musste ich immer meine roten Sandalen anziehen und dazu die weißen Söckchen. Das fand ich ganz schrecklich. Warum, fragst du?

Ist doch klar: in Sandalen konnte man gar nicht gut rennen, was auf Kindergeburtstagen aber sehr wichtig war, weil die meisten Spiele, die wir damals spielten, mit Rennen zu tun hatten. „Tick“, „Halli-Hallo“, „A-Zerlatschen“, „Fischer-Fischer-wie-tief-ist-das-Wasser“ und noch ganz viele andere Spiele – alle mit Rennen. Und die meisten Jungs konnten sowieso schon viel schneller rennen als ich, da waren die Sandalen, die mich noch langsamer machten, doppelt blöd. Allerdings muss ich fairerweise zugeben, dass da manchmal auch ein paar Jungs Sandalen mit Söckchen anhatten. Wahrscheinlich hatten ihre Mütter genau wie meine eine völlig falsche Vorstellung davon, welche Schuhe am besten für einen Kindergeburtstag geeignet waren. Und das mit den Söckchen erst! Die kratzten, weil sie oben noch so einen Rand mit Spitze hatten und wenn man dann losrannte, rutschten sie sofort runter bis über die halbe Hacke  und verkrumpelten in der Sandale. Dann konntest du erst mal stehen bleiben, um sie wieder richtig anzuziehen. Und schon warst du getickt, gefangen oder abgeworfen. Da half es auch nichts, vorher „Klippo“ zu rufen, was in den meisten Spielen bedeutete, dass man gerade mal für einen Moment etwas anderes Wichtiges zu erledigen hatte und kurz aussetzen musste. Nase putzen, zum Beispiel oder einen besonderen Stein aufsammeln oder eben Socken hochziehen. Ich denke, ich fand Sandalen mit Söckchen aus triftigem Grund schrecklich und ehrlich gesagt, finde ich das heute immer noch, obwohl ich längst nicht mehr so viel renne wie früher.

Als Sheriff auf der Jagd nach Banditen würde ich eine Menge rennen müssen, das war mir natürlich klar. Und ein Sheriff mit roten Sandalen und weißen Spitzsöckchen, der mit seiner großen Pistole schießt? Nein, das passte nun wirklich nicht. Also blieb ich barfuß wie ich war und schnappte mir mein blaues Lieblings-T-Shirt. Das hatte ich im Sommer eigentlich immer an, es sei denn, es war gerade in der Wäsche. Eigentlich hatte ich im Sommer jeden Tag das gleiche an – die kurze Hose und das blaue T-Shirt. Ich sah also aus wie immer, das wurde mir in dem Moment auch klar, als ich mich im Spiegel betrachtete. Ich sah ja gar nicht aus wie ein Sheriff, sondern einfach wie Sünni an jedem Sommertag, die gleich nach draußen gehen will, um im Baumhaus zu spielen oder Schätze zu suchen oder mit ihrem kleinen grünen Kinderrad zu fahren.

Apropos, kleines grünes Kinderrad. Vielleicht erinnerst du dich daran, dass ich am Abend zuvor noch darüber nachgedacht hatte, mir für eine eventuelle Verfolgungsjagd mit den Banditen ein Pferd von unserem Nachbar auszuleihen. Diesen Plan hatte ich irgendwann zwischen dem Einschlafen und dem Moment vor dem Spiegel aus zwei Gründen wieder verworfen. Zum einen hatte ich die  wahrscheinlich berechtigte Sorge, dass es sehr lange dauern würde, Onkel Peter Heinrich davon zu überzeugen, mir mal eben so eines seiner Pferde zu überlassen. Für lange Diskussionen hatte ich an meinem ersten Tag als Sheriff nun wahrlich keine Zeit, es war ohnehin noch so viel zu tun. Und zum anderen war mir kein einziger Platz in ganz Ammerswurth eingefallen, an dem ich mich zusammen mit einem Pferd verstecken könnte, um den Banditen aufzulauern. Das Pferd wäre ja viel zu groß gewesen, um mit ihm unter einem Busch zu hocken und nach oben in mein Baumhaus hätte ich wahrscheinlich auch nur schwer bekommen. Jeder Bandit hätte uns doch sofort entdeckt und die Flucht ergriffen.

Mein kleines Kinderrad war da doch viel praktischer. Es war schnell wie ein Pferd, ließ sich aber deutlich besser verstecken.  Mit seiner grünen Farbe würde es in jedem Gebüsch perfekt getarnt sein.  In den Western haben die Sheriffs aber gar keine Fahrräder, meinst du? Nun, das ist wahr und natürlich habe ich damals auch kurz darüber nachgedacht. Du vergisst, aber eine Sache, die ich als Kindergartenkind schon wusste: Ein Sheriff ist doch so was wie ein Polizist! Und Polizisten fahren sehr wohl Fahrrad. Das wusste ich von unserer Nachbarstochter. Die war ein paar Jahre älter als ich und ging schon in die Grundschule in Meldorf. Und dorthin war ein echter Polizist gekommen und hatte mit allen Kindern aus ihrer Klasse eine Fahrradprüfung gemacht. Dabei mussten sie zeigen, dass sie sich mit dem Radfahren auskennen und alle Tricks beherrschen. Zum Beispiel beim Fahren den Lenker mit einer Hand loslassen ohne umzukippen, um anzuzeigen, wohin man abbiegen möchte. Ich fand das damals noch ziemlich schwierig. Weil unsere Nachbarstochter das alles aber schon richtig gut konnte, hat sie die Prüfung bestanden und von dem Polizisten zur Belohnung einen grünen Wimpel aus Stoff bekommen, den sie dann hinten an ihr Fahrrad machen durfte und der richtig toll wehte, wenn sie schnell fuhr. So einen hätte ich auch gerne für mein kleines grünes Rad gehabt, aber ich ging ja noch nicht in die Schule und die Sache mit dem Loslassen des Fahrradlenkers ohne umzukippen musste ich dafür auch noch weiter üben. Nun, jedenfalls war ja wohl klar, dass jemand, der mit anderen eine Fahrradprüfung macht, auch selber Rad fahren können muss. Also fuhren Polizisten Fahrrad, Sheriffs waren so was wie Polizisten und damit war an der Entscheidung für das Rad und gegen das Pferd absolut nichts auszusetzen.

Soweit so gut, aber ich sah immer noch nicht aus wie ein Sheriff. Ich brauchte unbedingt noch einen Cowboyhut. Woher sollte ich den nur nehmen? Ich überlegte angestrengt, aber alles Nachdenken half mir nicht weiter, denn in unserem ganzen, großen Haus gab es einfach keinen. Wir hatten nur einen einzigen Hut. Der war schwarz und gehörte meinem Vater. Er setzte ihn immer nur dann auf, wenn er auch seinen riesigen schwarzen Mantel anzog. Das war nicht gerade oft der Fall, nur dann, wenn er zu einer Beerdigung gehen musste. Sonst hatte er eigentlich immer seine blauen Arbeitssachen an. Ich war mir also ziemlich sicher, dass mein Vater den Hut nicht ausgerechnet an diesem Tag brauchen würde und beschloss, ihn mal aufzuprobieren. Ich holte den Hut von der Garderobe und stellte mich wieder vor den Spiegel. Noch bevor ich ihn überhaupt aufgesetzt hatte, ahnte ich schon, dass er nicht ganz das Richtige sein würde. Er war rund mit einer gewundenen Borte ringsherum und hatte vorne einen kleinen Schirm. Irgendwie sah er mehr aus wie eine Kappe als wie ein Hut für einen Cowboy oder Sheriff. Nach dem Aufsetzen bestätigte sich meine Vermutung – so ging das nicht! Der Hut war mir viel zu groß und rutschte mir vor die Augen sobald ich den Kopf auch nur ein kleines bisschen bewegte. Und mehr nach Sheriff  sah ich damit auch nicht aus, noch am ehesten wie ein Zugschaffner, der einfach einen zu großen Hut auf hat. Nein, der Hut kam zurück an seinen Platz auf der Garderobe. Es half nichts, es musste eben ohne Hut gehen. Vielleicht war der Hut schlussendlich auch gar nicht so wichtig. Bei uns an der Nordsee war es ja warm und nicht bitterkalt wie im wilden Westen. Da würden die meisten Sheriffs hierzulande ohnehin keine Hüte tragen und es könnte sich niemand daran stören, wenn ich ebenfalls keinen aufhatte.

Das wichtigste Utensil fehlte ja sowieso noch. Das, was mich sofort und ohne jeden Zweifel für alle als echten Sheriff erkennbar machen würde – mein silberner Sheriffstern. Der lag noch neben meinem Kopfkissen, blank und glänzend, wie an dem Tag, an dem ich ihn verliehen bekommen hatte. War das wirklich erst gestern gewesen? Seitdem war schon so viel passiert, all diese Planungen und anstrengenden Vorbereitungen! Aber nun war der große Moment gekommen, an dem ich ihn mir zum ersten Mal anstecken würde. Ich entschied nach reiflicher Überlegung, dass die linke vordere Hosentasche ein guter Platz für den Stern wäre. Vorsichtig pikste ich die Nadel durch den festen Stoff meiner kurzen Hose. Das war gar nicht so einfach und ich glaube, die Nadel verbog dabei sogar ein bisschen. Aber ich schaffte es schließlich, den Stern zu befestigen und lief zurück zum Spiegel, um das Ergebnis  zu sehen. Was für eine Veränderung! Ich war schon seit gestern Sheriff, aber nun sah ich endlich auch aus wie einer. Ein echter Sheriff! Nun konnte ich endlich mit der Jagd auf die Banditen beginnen. Nur eine Sache war vorher noch zu erledigen – meine Hose musste einen neuen Namen bekommen, der ihrer neuen Zierde angemessen war. Von diesem Moment an bis zu unserem letzten gemeinsamen Tag trug sie den Sheriffstern und den Namen „Sheriffhose“. Sogar meine Mutter hat sie fortan immer so genannt.

Wie es mit mir und meiner Sheriffhose an jenem Tag weiterging, erzähle ich dir beim nächsten Mal.

Hast du Lust weiter zu lesen? Hier geht es zum nächsten Teil der Sheriff-Geschichte:

Noch mehr Geschichten und Anekdoten findest du in unserem Schreibstübchen:

WeiterlesenSheriff für einen Tag Teil 2 – Wie ich meinen ersten Arbeitstag begann

Sheriff für einen Tag Teil 1 – Wie ich damals zum Sheriff wurde

Sheriff für einen Tag Teil 1
Wie ich damals zum Sheriff wurde

Titelbild Sheriff für einen Tag Teil 1

Ob du es glaubst oder nicht – tatsächlich war ich auch mal Sheriff.  Wirklich wahr. Nicht für sehr lange, genauer gesagt, nur für einen Tag und es ist auch schon eine ganze Weile her.  Da muss ich wohl so fünf oder höchstens sechs Jahre alt gewesen sein, irgendwann Ende der siebziger Jahre, in dem kleinen Dorf an der Nordseeküste, in dem ich aufgewachsen bin.

Eigentlich war Ammerswurth  nicht mal ein Dorf, denn es bestand nur aus acht alten Bauernhöfen und war schon vor vielen Jahrzehnten in die nächstgelegene Kleinstadt eingemeindet worden. Dafür war mein Vater verantwortlich, zumindest erzählte er es zeitlebens so. Als er noch ein kleiner Junge war und gerade dabei war, genau wie ich dann später, dort aufzuwachsen, gab es in Ammerswurth neben den acht Höfen sogar noch eine Bushaltestelle. Nicht so eine mit einem Häuschen zum Warten, sondern nur ein Schild, an dem der Bus anhielt. Dieses Schild hat mein Vater, der wohl ein ziemlich frecher Junge gewesen muss, eines Tages aus einer Laune heraus abgesägt. Fortan hätte dort nie wieder ein Bus gehalten, versicherte mein Vater mir, und irgendwie soll das schlussendlich dazu geführt haben, dass Ammerswurth seinen Status als eigenständige Gemeinde verlor.

Ob und wie sich das in Wahrheit zugetragen hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Laut dem Archiv der Stadt Meldorf wurde Ammerswurth bereits im Jahr 1935 eingemeindet. Vertraut man nun zugleich diesen Aufzeichnungen und den Aussagen meines Vaters,  muss man schlussfolgern, dass mein Vater genau ein Jahr alt war, als er das Bushaltestellenschild abgesägt hat. Das erscheint vielleicht etwas unwahrscheinlich, aber vollkommen auszuschließen ist es ja immerhin nicht. Sicher ist jedoch eins: wäre ich als Sheriff damals zu Stelle gewesen, hätte ich den Übeltäter erfolgreich auf frischer Tat ertappt. Damit hätte ich sowohl die Bushaltestelle als auch das Dorf gerettet. Ganz bestimmt wäre  ich dann auch länger Sheriff geblieben als nur für einen Tag.

In Wahrheit hatte ich als Dorfsheriff keinen solchen Erfolg zu verbuchen, genauer gesagt war alles, was ich zu verbuchen hatte, ein Misserfolg nach dem anderen und so wurde es eine sehr kurze Karriere.  Bereits vor dem Abendessen hängte ich meinen neuen Job wieder an den Nagel. Aber ich fange am falschen Ende der Geschichte an, sie beginnt ganz anders, nämlich am Anfang. Du weißt ja noch nicht mal, wie ich damals überhaupt zum Sheriff geworden bin. Das begab sich nämlich  so:

Sheriff für einen Tag Teil 1:
Wie ich zum Sheriff wurde

Darüber, was ein Sheriff ist und wie man zum Sheriff wird, wusste ich auch als kleines Mädchen schon genau Bescheid. Wir hatten zwar nur einen Schwarz-Weißfernseher und Programme gab es nur drei, aber im Vorabendprogramm  gab es manchmal Western. Die waren sogar damals schon uralt. Trotzdem habe ich viel über den wilden Westen daraus gelernt. Ein Sheriff ist nämlich so etwas wie ein Polizist, nur dass er anders angezogen ist und immer breitbeinig läuft. Er hat einen Cowboyhut auf, schießt viel mit einer großen Pistole, jagt Banditen und er hat einen silbernen Stern, damit  jeder gleich erkennt, dass er zu den Guten gehört. Und Sheriff wirst du, wenn ein alter Sheriff dir auch so  einen silbernen Stern gibt.

Bei mir war das ein bisschen anders, aber wirklich nur ein bisschen. So einen silbernen Sheriffstern bekam ich nämlich auch. Nur sah der Mann, der ihn mir überreichte, gar nicht wie ein Sheriff aus. Er stand auf dem Marktplatz und eigentlich sah er tatsächlich eher wie ein Bandit aus. Er hatte ein kariertes Taschentuch vor dem Gesicht, genau wie die Bösen in den alten Western. Zudem hatte er ein Mikrofon, in das er ohne Pause so etwas wie „Wünnewünnewünne!“ rief. Hinter ihm waren hohe Regale aufgebaut, in denen die größten Stofftiere saßen, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Riesengroße Teddybären, meterlange blau-grüne Schlangen und andere, nicht näher bestimmbare Tiere gab es da. Dazwischen standen noch ganz andere Dinge, die für mich irgendwie nicht dazu passten. Ich sah Kassettenrekorder, Kaffeegeschirr und Pakete, in denen vielleicht Bettwäsche oder Tischdecken gewesen sein können. Vielleicht waren da auch noch Schnapsflaschen. Bei dem Punkt bin ich mir nicht mehr ganz sicher, aber an alles, was dann geschah, erinnere ich mich haargenau.

Während ich noch die riesigen Plüschtiere bestaunte und mich fragte, ob man einen so großen Teddy überhaupt tragen könne, geschweige denn richtig mit ihm spielen, ging mein Vater zu dem Banditen und gab ihm ein Geldstück. Der rief weiter „Wünnewünnewünne!“ in sein Mikrofon und kam mit einer durchsichtigen Schüssel auf mich zu, in der viele kleine Papierröllchen lagen. Um jedes Röllchen war ein kleiner Gummiring gezogen, damit es nicht aufgehen sollte, vermutete ich. Der Bandit streckte mir die Schüssel entgegen und mein Vater sagte, ich dürfe jetzt drei Röllchen herausnehmen.

Es gab graue, grau-bläuliche, grau-rötliche und grau-grünliche Röllchen. Die Farben waren nicht so wirklich schön, eher so ausgeblichen und schmuddelig wie das Papier von den vollgeschriebenen alten Heften, die bei uns zu Hause im Schrank auf dem Dachboden lagen. So richtig wusste ich nicht, ob ich solche Röllchen überhaupt haben wollte und gebrauchen könnte, aber mein Vater stupste mich an und nach einigem Zögern nahm ich dann drei grau-grünliche. Grün war nämlich meine Lieblingsfarbe. Soweit so gut. Da stand ich nun und hatte drei Papierröllchen. „Nun mach sie schon auf!“, sagte mein Vater. Er nahm eins der Röllchen, streifte den kleinen Gummiring ab und entrollte das Papier. Ein ziemlich langer Papierstreifen wurde das. Er war von oben bis unten mit einem gräulichen Karomuster bedruckt, einzig am untersten Rand stand etwas geschrieben. Was da stand, kann ich dir natürlich nicht sagen.  Ich konnte zwar richtig viel, aber lesen konnte ich im Kindergartenalter noch nicht. Heute, über 40 Jahre später, hätte ich da zwar so eine Vermutung, was da gestanden habe könnte, aber Vermutungen gehören ja nicht in eine wahre Geschichte, also behalte ich sie für mich.

Es waren ja auch noch zwei Röllchen übrig und nun war ich an der Reihe, die Gummibänder abzufummeln und sie zu entrollen. Die Papierstreifen, die zum Vorschein kamen, sahen haargenau so aus wie der erste. Erst ganz viele Karos und dann am unteren Rand ein bisschen  Schrift. Was sollte ich damit nun anfangen? Ein wenig ratlos blickte ich meinen Vater an, der mir bedeutete, ich solle nun wieder zu dem Banditen gehen und ihm entrollten Papierröllchen zurückgeben. So langsam fand ich das alles doch recht seltsam. Hatte mein Vater dem Mann das Geld nur dafür gegeben, dass wir seine Röllchen aufmachen und uns diese komischen Karomuster anschauen durften? So recht verstand ich das nicht, aber ich vertraute einfach mal auf meinen Vater. Irgendeinen einen Sinn würde er schon in der Sache sehen. Also stiefelte ich los.

Der Bandit schaute mich gar nicht recht an, als ich ihm die Papierstreifen hinreichte. Er hielt sich das Mikrofon mit der rechten Hand ganz nahe vor den Mund und rief immer noch sein „Wünnewünnewünne!“ Mit der freien Hand nahm er die Papierstreifen an sich und warf einen ganz kurzen Blick darauf, bevor er sie einfach auf den Boden fallen ließ. Dort vor ihm lagen schon unzählige dieser Papiere, was mir jetzt erst auffiel. Bevor ich groß Zeit hatte darüber nachzudenken, ob man Papier einfach so auf die Straße werfen darf, lehnte sich der Bandit leicht nach hinten und griff, ganz ohne hinzusehen, in eine Plastikbadewanne, die hinter ihm unter den hohen Regalen stand. Fast genauso eine hatten wir auch zu Hause. Darin wurde abends immer meine kleine Schwester gebadet, als sie noch ein Baby war. Was der Bandit wohl in seiner Wanne hatte?

Der Mann kramte mit seiner linken Hand eine Weile darin herum und zog schließlich einen kleinen Gegenstand hervor, den er mir etwas unsanft in die Hand drückte. Seine Finger waren schwarz behaart und auf einem steckte zwischen den vielen Haaren ein gewaltig großer goldener Ring. Er hatte oben eine große quadratische Platte und sah aus, als könne er einem König gehören. Vielleicht war dieser Mann am Ende doch ein richtiger Bandit und hatte den Ring aus einem Schloss geraubt? Er wurde mir zunehmend unheimlich. Obwohl ich nicht erkennen konnte, was er mir da gegeben hatte,  schloss ich schnell meine Finger um den kleinen Gegenstand und lief zurück zu meinem Vater.

Dort fühlte ich mich sicher genug, meine Finger wieder zu öffnen und den Gegenstand zu betrachten. Ich traute meinen Augen kaum, als ich sah, was da in meiner ausgestreckten Hand vor mir lag. Es war ein Sheriffstern – ein richtiger, echter, silberner Sheriffstern. Ich hatte zwar noch nie einen echten Sheriffstern gesehen, aber ich erkannte es sofort. Er glänzte in der Sonne und jeder seiner Zacken war mit einem kleinen Silberkügelchen verziert. In der Mitte des Sterns befand sich ein Kreis mit einem Schriftzug. Wie du ja weißt, ich konnte noch nicht lesen, aber dass da natürlich  „Sheriff“ stand, war mir trotzdem klar und was das bedeutete, selbstverständlich auch. „Papa! Ich hab einen Sheriffstern!“ „Das ist doch schön. Wir wollen jetzt auch langsam mal los.“ Gut, meinem Vater war die Bedeutsamkeit  meiner Aussage offenbar nicht ganz klar, aber das war in Ordnung. Er kannte sich mit dem Thema eben nicht so gut aus wie ich. Schließlich hatte er auch meistens keine Zeit, um im Vorabendprogramm alte Western zu gucken. Ich aber wusste: Ich bin jetzt ein echter Sheriff! Ich folgte meinem Vater einfach kommentarlos, aber mit meinem kostbaren Stern fest in der Hand  zum Parkplatz, ich musste mir ja ohnehin in Ruhe ein paar Gedanken über meine zukünftigen Aufgaben machen. Als wir ins Auto einstiegen, hörte ich aus der Ferne immer noch das  „Wünnewünnewünne!“ des Banditen, der mich gerade zum Sheriff gemacht hatte.

Auf der Rückfahrt hatte ich genügend Zeit, den Sheriffstern von allen Seiten ganz genau zu betrachten. Es war ja nicht einfach nur ein silberner Stern, nein auf der Rückseite hatte er eine Nadel zum Anstecken. Genauso eine wie an der Brosche, die meine Mutter manchmal trug, wenn wir zu einem Fest eingeladen waren. Das fand ich sehr praktisch, denn so würde jeder vom Weiten gleich erkennen, dass ich zu den Guten gehöre, genau wie bei den Sheriffs im Fernsehen.

Beim Abendessen und auch noch später im Bett überlegte ich angestrengt, wie ich meine neue Arbeit als Sheriff morgen angehen würde. Ich brauchte die passende Kleidung und  eine gute Ausrüstung. Wo könnte ich den Banditen am besten auflauern? Und wenn ich sie vielleicht verfolgen müsste? Vielleicht könnte unser  Nachbar mir dafür eins seiner Pferde leihen. Außerdem musste ich noch einen geeigneten Ort finden, um all die Banditen einzusperren, die ich am nächsten Tag fangen würde. Ob unser Keller sich dafür eignen würde?  Fragen über Fragen. Irgendwann bin dann wohl darüber eingeschlafen und vielleicht träumte ich von lauten  Schießereien, wilden Verfolgungsjagden und großen Heldentaten. Aber den Sheriffstern hatte ich schon mal, den konnte mir so schnell keiner nehmen. Zur Sicherheit hatte ich ihn neben mich auf mein Kopfkissen gelegt. Kein Bandit sollte ihn stehlen können, noch bevor ich überhaupt richtig mit dem Sheriffsein angefangen hatte.

Was dann am nächsten Tag aus all den Fragen und Plänen wurde, erzähle ich dir beim nächsten Mal.

Hast du Lust weiter zu lesen? Hier geht es zum nächsten Teil der Sheriff-Geschichte:

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WeiterlesenSheriff für einen Tag Teil 1 – Wie ich damals zum Sheriff wurde

Gebrauchskunst

Gebrauchskunst

Du fragst dich, was das hier für ein seltsames Objekt ist? Dann warst du sicher noch nie bei der alljährlichen großen Apfelernte in A. dabei. Im dortigen Obstgarten leben immer die Lämmer des Nachbarn, die von Hand aufgezogen werden mussten und die deshalb keinerlei Scheu vor dem Menschen kennen. Die Apfelgarten-Lämmergang verdient sich in jedem Jahr einen neuen Namen. Mal gibt es „Die dreisten Drei“ oder auch „Die verwegenen Vier“, schlimmstenfalls könnte es auch mal „Die wilde 13“ werden. Eines ist auf jeden Fall immer gleich: Egal wie viele Lämmer es sind oder wie sie heißen, die Äpfel geben sie nicht kampflos her. Aus Eimern, Körben und Schubkarren werden die frischgepflückten Früchte sofort wieder herausgeholt. Und komm ja nicht auf die Idee, sogar Äpfel vom Baum zu schütteln. Beim Aufsammeln verlierst du! Die Äpfel sind weg, bevor du auch nur „Aufsammeln“ buchstabiert hast.

Wir haben alles versucht. Volle Schubkarren mit Jacken abdecken? Fehlanzeige, so eine Jacke hat „schaf“ im Nu von der Karre befördert. Selbst einen Erntehelfer komplett für die Aufgabe „Schubkarrensicherheit“ abzustellen, erwies sich als nur semi-erfolgreich. Die im Herbst zur Erntezeit schon nicht mehr so kleinen und durchaus kräftigen Lämmer versuchen sich mit Knuffen und Stoßen an allem vorbeizudrängeln, was zwischen ihnen und ihren heißbegehrten Äpfeln steht – und wenn sie dann noch von allen Seiten kommen, ist ein Mensch allein so gut wie machtlos.

Und hier kommt nun das abgebildete Kunstobjekt zum Einsatz: die „Apfelbaumattrappe in ergonomisch  angepasster Erntehöhe für das Dithmarscher Schwarzkopfschaf“, an der unser Ingenieur lange getüftelt hat. Sie verschafft dem menschlichen Apfelernter ein Zeitfenster von mehr oder minder exakt zwei Minuten für die Durchführung einer wohlgeplanten, schnellen Ernteaktion. Für diese Zeitspanne sind die Lämmer mit dem Abernten der Attrappe beschäftigt. Nach Ablauf der zwei Minuten muss die Apfelbaumatrappe zunächst wieder neu bestückt werden, um dann eine weitere Blitzaktion durchführen zu können.

Glaub mir, nach dieser Art der Apfelernte weißt du unsere Erfindung zu schätzen und am Abend weißt du auch, was du getan hast – am nächsten Tag wahrscheinlich auch noch. Muskelkater vom Rennen aber auch vom Lachen garantiert!

Video folgt

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Krieg gefälligst den A…llerwertesten hoch!

Krieg gefälligst den A…llerwertesten hoch!

Stühle laden gemeinhin zum darauf Platznehmen ein. „Mach mal eine Pause!“, „Ruh dich aus!“, „Entspann dich!“ „Genieß den Ausblick von einem bequemen Platz aus!“ „Entschleunige etwas!“ Gemeinhin sagen einem Stühle so etwas in der Art.

Lässt du deinen alten Gartenstuhl nur lange genug draußen in Wind und Wetter stehen, wird er nicht nur so unansehnlich wie unser Exemplar hier im Bild, das für die Arbeitspause im Gemüsegarten gedacht war, sondern vielleicht gesellt sich auch eine Brennnessel zu ihm und schlägt mit ihm gemeinsam ganz andere Töne an: „Nichts da, schon wieder Pause machen!“, „ Hoch mit dem Hintern!“, „Die Natur duldet keinen Aufschub, wenn es um ihren Schutz geht!“

Ein bisschen fies ist so ein Brennnessel-Stuhl aber schon. „Nur ein bisschen? Was wäre denn richtig fies?“ Na, stell dir mal vor, du übersiehst die Brennnessel, lässt dich erschöpft in den Stuhl fallen und es ist zufällig der erste Samstag im Mai. „Und was soll daran dann anders sein als an anderen Tagen?“

Der erste Samstag im Mai ist der Welttag des Nacktgärtnerns! Noch Fragen?

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Ach, du dickes Ei!

Ach, du dickes Ei!

Ist das nun eine bildliche Allegorie für den Begriff der Ungerechtigkeit oder eine Veranschaulichung der ersten Eierlegeversuche einer Junghenne? Es kann wohl als beides zugleich gelten. Aber nach dem Fotografieren bleibt dann doch die Frage im Raum stehen, wer nun welches Frühstücksei bekommt. Das große ist wachsweich gekocht mit einem schönen gelben Dotter, das kleine ist steinhart und ein Dotter suchst du vergeblich. Wie, du möchtest das große haben?

… sowas Ungerechtes aber auch!

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Damenhandtasche vs Bomberjacke

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Damenhandtasche vs Bomberjacke

Titelbild Bomberjacke

Damenhandtaschen werden ja so mancherlei Eigenarten nachgesagt. Einige behaupten sogar, die in den Tiefen derselben befindlichen unteren Sedimentschichten könnten in gleichem Maße von geologischem wie von archäologischem Interesse sein. Zumindest wird ihnen die Eigenschaft zugeschrieben, von innen deutlich größer zu sein, als sie nach außen hin wirken.

Im Einzelfall kann ich das bestätigen. So kannte ich mal eine gewisse Annette, die mich auf diversen Musiksessions im Kieler Schützenpark, auf dem Steg am kleinen Kiel oder auch am Falkensteiner Strand immer wieder damit überraschte, wie sie aus ihrer kleinen, zerknautschten Ledertasche plötzlich warme Pullover für mehrere Personen, ein paar Pelzstiefel und mehrere Flaschen Korn oder Wodka hervorzaubern konnte.

Einzelfälle wie Annette und ihre Handtasche sind vielleicht der Grund, warum ich selber so gut wie nie eine Handtasche mit mir führe. Oft genug habe ich in früheren Zeiten die Erfahrung gemacht, dass männliche Begleiter davon ausgehen, jedwede Damenhandtasche verfüge über derartige Kapazitäten. „Kannst du das kurz mit einstecken?“, hieß es dann und im Nu schleppte ich ein beträchtliches Zusatzgewicht in Form von Portemonnaies, kiloschweren Schlüsselsammelsurien und anderen Utensilien aller meiner Kumpel mit mir herum.

Zudem hatte ich selbst in den Tiefen meiner Tasche nie etwas von Wert finden können, maximal ein klebriges altes Hustenbonbon, das eine untrennbare Verbindung sowohl mit Taschenfutter als auch mit einem alten Tempotaschentuch unbekannter Herkunft eingegangen war.

Also war für mich irgendwann Schluss damit.

Handtasche nur noch im Notfall und dann von außen so klein erscheinend, dass kein Mann und glaubte er noch sehr sehr an das Mysterium des unerschöpflichen Volumens von Damentaschen mehr glauben konnte, sein gerade auf der Tombola gewonnenes Fondueset könne darin leicht Platz finden.

So lebte ich dann glücklich und unbeschwert von dem Ballast männlicher Besitztümer und lernte irgendwann Maik kennen. Der war toll, jung und stark und besaß noch nicht mehr als er selber bequem tragen konnte. Alles war gut, bis zu dem Tag, als er beschloss, sein Eigentum zu vergrößern und zwar um die Jacke.

Sie verkörperte so ziemlich alles, was ich an Jacken inakzeptabel finde – mal abgesehen davon, dass sie schwarz war, was mir ja durchaus gefällt. Aber ein Bündchen in der Taille, ein abnehmbarer Plüschkragen, der nach spätestens drei Tagen so aussah wie ein altes, bis zur Unkenntlichkeit abgeliebtes und abgeschlecktes, verfilztes Kuscheltier, insgesamt die möchtegern-martialische Anmutung einer Bomberjacke, einfach schrecklich. Ich verlieh meiner Abneigung gegen dieses Kleidungstück hin und wieder Ausdruck, vielleicht war es auch jedes Mal, wenn Maik sie anzog und das tat er oft, nicht ohne zu erwidern, dass sie einfach so unglaublich praktisch sei. Das einzige, was mit daran „praktisch erschien“ war, dass sie nach etwa einem Jahr so schäbig aussah, dass ich hoffte, sie nun endlich der Wiederverwertung zuführen zu dürfen, was ich dann auch begeistert verkündete. Leider nicht ganz mit dem erwünschten Ausgang, denn nur wenige Tage später kam Maik nach Hause und präsentierte mir seine neue Jacke. DIE Jacke, die gleiche, nochmal, fast identisch – warum nur? Na, weil sie doch so praktisch ist! Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen und unterließ fortan jegliche Bemerkung über das mir verhasste Kleidungsstück. Vielleicht war diese stillschweigende Duldung der Grund, dass Maik mich nach und nach in die von ihm so hoch geschätzte Nützlichkeit dieser speziellen Jacke einweihte.

Es begann mit Kleinigkeiten, die als solche noch nicht unbedingt bemerkenswert waren. Aber wann immer ich unterwegs in den zwei Taschen meiner eigenen Jacke noch vergeblich nach einem Taschentuch oder Hustenbonbon suchte, Streckte er mir das Gewünschte bereits entgegen.

Kugelschreiber und Zettel? Bitteschön.

Taschenlampe? Ja, hier.

Ein Taschenmesser wäre jetzt praktisch – oh, danke.

Jetzt müsste man ein Tüddelband oder Panzertape zur Hand haben. – Was von beidem willst du?

Das war schon ein bisschen bemerkenswert.

Mist ich hab Tampons vergessen! Sekunde…Also wirklich, warum hast du Tampons in der Jackentasche?

Ich lernte zu akzeptieren, dass sich in den zahlreichen Taschen dieser Jacke alles zu materialisieren schien, was ich gerade brauchte oder mir wünschte. Allerdings versuchte ich auch nie, die magischen Eigenschaften der Jackentaschen durch andere, als wirklich dringende Anfragen überzustrapazieren. So habe ich bisher nicht in Erfahrung gebracht, was bei Wünschen wie Goldmünzen, Diamantring oder Aktienpaket geschehen würde. Aber Maik ist ja schließlich auch kein Fischer und ich bin nicht die Ilsebill.

So lebten wir also weiter glücklich und zufrieden, ich weiterhin unbeschwert von männlichen Besitztümern. Die Jacke ist nun wohl schon an die 15 Jahre alt und inzwischen zur Gartenjacke geworden. Hässlich finde ich sie noch immer – aber wahre Schönheit kommt ja von innen, wie einem stets gesagt wird und ich gebe ja zu, dass sie mir das Leben schon oft erleichtert hat.

Aber gestern Abend war ich dann doch kurz verunsichert…

Nach einem langen Arbeitstag im Garten, bei wunderbarem Sonnenschein, aber dennoch frostigen Temperaturen sagte ich ohne irgendwelche Hintergedanken, meine Lippe sei ganz trocken und ich dürfe nicht zu breit grinsen, sonst würde sie sicher aufreißen. Wortlos griff Maik, der gerade erst ins Haus gekommen war, in eine seiner Jackentaschen und zog einen Gegenstand hervor. Ein Seitenschneider? Ich überlasse es euch, euch auszumalen, welche Assoziationen mich überkamen, als ich versuchte einen Zusammenhang zwischen trockenen Lippen und Seitenschneidern herzustellen. Aber wahrscheinlich habe ich zu viele brutale Filme gesehen, als dass andere als gewalttätige Bilder vor meinem geistigen Auge erscheinen konnten. Sollten sich Güte und Hilfsbereitschaft der Tasche etwa in Boshaftigkeit und Grausamkeit verwandelt haben?

Maik hat wohl dieselben Filme gesehen. Jedenfalls grinste er breit – im Übrigen ohne dass ihm die Lippe aufgeplatzt wäre – legte den Seitenschneider auf den Tisch, kramte kurz in derselben Tasche, aus der er ihn gerade hervorgezogen hatte und reichte mir einen Labello. Alles gut – sie funktioniert noch immer.

Aber ich bin abgeschweift – ach, ihr wisst ja, ich kann mich nie kurz fassen, jedenfalls nicht, wenn eine Tastatur vor mir liegt.

Also, Damenhandtasche oder Bomberjacke?

Ganz klar, Bomberjacke!

Frau braucht selber nichts zu tragen, muss nicht daran denken, Dinge für sämtliche Eventualitäten einzupacken und wer findet schon eine Nagelschere oder Panzertape oder überhaupt irgendetwas Nützliches in einem vollgestopften, unübersichtlichen Sack?

Bomberjacken sparen somit Kraft, Zeit und Nerven und dass sie hässlich sind, ist ja schlussendlich das Problem des Trägers… und der bin ja nicht ich.

Sünje

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